Pläne der Hafenerweiterung widersprechen globalen Herausforderungen: Rostocker Umweltverbände fordern radikales Umdenken in der Landesplanung

Pressemitteilung vom 08.11.2021

Foto: Salzwiese an Peezer Bach-Mündung, Nicola Boll (BUND)

 

 

Seit über 10 Jahren engagieren sich die lokalen Umweltverbände des NABU und BUND für den Erhalt der noch verbliebenen naturnahen Landschaftsteile am Warnow-Breitling. Sie haben die Verantwortlichen in Wirtschaft, Politik und Planung auf die Umweltgefahren von Anfang an hingewiesen, die im Zusammenhang mit der geplanten Hafenerweiterung stehen. Viel Zeit stand also zur Verfügung, sich damit umfassend auseinanderzusetzen und die Flächenentwicklungen für die Industriestandorte der Rostocker Zukunft entsprechend umweltfreundlich anzupassen. Stattdessen haben die Akteure der Hafenplanung ihre Erweiterungspläne vorangetrieben, als wenn es die lokalen und globalen Umweltprobleme gar nicht gäbe. So wird dies auch aus den jüngsten Pressemitteilungen deutlich (z.B. OZ vom 1.11.2021). Mit Blick auf die von der Hafenerweiterung betroffenen Schutzgüter, deren Relevanz für den Klima- und Biodiversitätsschutz und mit Blick auf eine Welt, wie sie derzeit auf dem Klimagipfel in Glasgow selbst von den führenden Staatenlenkern als „kurz vor dem Kipppunkt“ beschrieben wird, ist diese Vorgehensweise ein absolutes Unding.

 

 

 

Was sind die eigentlichen Probleme der Hafenerweiterung, die sich nicht im Sinne der Allgemeinheit lösen lassen und somit zu einer vehementen Ablehnung durch die Umweltverbände führen?

 

Die vollständige Überbauung des letzten noch naturnah verbliebenen Überflutungsmoores am Breitling ist ein wichtiges, aber längst nicht das einzige Problem. Die Planer wollen nun durch Tiefgründungen und Überschüttungen verhindern, dass die Unmengen des dort im Torf gespeicherten CO2 in die Atmosphäre freigesetzt werden. „Dieser „ökologische Anstrich“ bröckelt allein deshalb, da das Potential der überbauten Moorflächen, CO2 aus der Atmosphäre und Nährstoffe aus dem Gewässer zu binden, für immer und unwiderruflich verloren geht. Und das ist nur eine der kontinuierlich negativen Umweltbilanzen, die aus der Erweiterung des Hafens in der geplanten Art und Weise resultieren werden.“ warnt Ralph Emmerich, Vorsitzender des NABU Mittleres Mecklenburg.

 

 

 

Gänzlich aus den Planungen ausgeblendet wurden bislang die über den eigentlichen Hafenstandort hinausgehenden Umweltwirkungen. Sollte die Hafenkante wie geplant bis in den Ostbreitling hinein reichen, steht das Ostseewasser mit seinen hohen Salzgehalten direkt am Schnatermann. Man sollte jedoch wissen, dass sich die binnenseitigen Niederungen und Waldränder der Rostocker Heide über die Jahrtausende unter ganz anderen hydrologischen und hydrochemischen Voraussetzungen herausgebildet haben, als jene, die sich nach der geplanten Hafenerweiterung einstellen werden. Noch bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus war der Ostbreitling nämlich ein ausgedehntes Flachwasserareal, welches durch den Peezer Bach, Radelbach und Moorgraben viel Süßwasserzufuhr erhielt. Dies milderte die ökologischen Auswirkungen des Brackwasserzustroms der Ostseehochwässer erheblich ab. Die Waldgrenzen der Rostocker Heide zwischen Markgrafenheide und Schnatermann sind die Grenzen, die der Standortfaktor Salz dem Wald gibt: darüber hinaus ist kein Baumwachstum mehr möglich. Auch die vorgelagerten Moore repräsentieren letztlich eine Kampfzone zwischen Land und Meer.

 

 

 

Schon heute zeigt sich überall im Gebiet ein Verfall der bisherigen Vegetationsgrenzen. Sie sind vermutlich eine Folge der bisherigen Seekanalvertiefungen und der damit verbundenen Erhöhung der Salzgehalte im Breitling und damit auch im Radelsee. Im Überflutungsmoor des Radelsees löst sich die Oberfläche des Moores großflächig auf und an seinen Rändern zur Rostocker Heide hin sterben viele der alten Eichen und Buchen ab. Hier wird deutlich, wie sich ehemalige CO2-Senken in kürzester Zeit zu Emittenten von Klimagasen wandeln. Bereits im erst kürzlich abgeschlossenen Verfahren zur erneuten Seekanalvertiefung haben die Umweltverbände auf diesen Umstand hingewiesen, was bei den Planern und den zuständigen Genehmigungsbehörden aber unbeachtet blieb. Dies und die angestrebte Ausweisung der Hafenerweiterungsflächen als Vorranggebiete durch die Landesplanung zeigen, dass die globalen humanökologischen Handlungserfordernisse des Klima- und Biodiversitätsschutzes bei den beteiligten Behörden noch immer nicht angekommen sind. Deshalb werden die Umweltverbände im weiteren Planungsverlauf um die Seehafenerweiterung hierauf ein besonderes Augenmerk legen.

 

 

 

Die bisherigen Vorstellungen von Industrieplanung, indem die Handlungserfordernisse des Klima- und Biodiversitätsschutzes eher in fernen Ländern vermutet werden und eigene Grenzen der Inanspruchnahme von Ressourcen weitgehend ausgeblendet wurden, sollten auch in Rostock endlich überdacht werden. Neue Wachstumsziele und eine weitere Steigerung der Industrieproduktion führen bekanntlich in die Sackgasse und machen das Leben der Menschheit auf dem Planeten endlich. An die verantwortlichen Planer und Politiker geht deshalb der Aufruf: Bitte, befasst Euch mit den Aussagen des letzten Klimagipfels in Glasgow! Alles ist zwar bereits seit Jahrzehnten bekannt, aber bitte, bezieht doch die Daten und Fakten endlich einmal in die eigenen Vorstellungen von gesellschaftlicher Entwicklung ein! Es ist doch schon lange nicht mehr nur die Aufgabe der Umweltverbände, daran zu erinnern, dass eine nachhaltige Entwicklung ausschließlich unter Berücksichtigung grundlegender ökologischer Zusammenhänge gelingt.

 

 

 

„Wir weisen die Argumentation des Hafenchefs Jens Scharner entschieden zurück, die geplante Hafenerweiterung sei mit den Ansprüchen kommender Generationen an Wohlstand und Arbeit begründet (OZ-Artikel vom 1.11.2021). Es ist genau dieses Wissen um die Gefährdung von Wohlstand im gesamtgesellschaftlichen Sinne durch das Festhalten am „weiter so“, weshalb NABU und BUND gegen die aktuellen Pläne der Hafenerweiterung sind. Eine völlig hypothetische Zahl von zig-Tausend zukünftigen Arbeitsplätzen als Argument ins Feld zu führen, um die vollständigen Funktionsverluste global bedeutsamer Ökosysteme zu begründen, ist mit Blick auf die realen Probleme zukünftiger Generationen mehr als fragwürdig.“ so Susanne Schumacher, Vorsitzende des BUND Rostock.

 

 

 

Die Planung der Hafenerweiterung zeigt zumindest eins ganz deutlich: Mit Blick auf die Zukunft Rostocks und den Beitrag der Hansestadt zum Klimawandel stehen Entscheidungen von besonderer Brisanz an. Was für den Planeten gilt, ist hier schon lange gültig: Die Ressourcen sind sehr begrenzt und man kann deshalb nicht alles haben. Wer sich persönlich für die Hafenerweiterung in der von den Planern vorgesehenen Form ausspricht, entscheidet sich z.B. ein stückweit gegen den Fortbestand der Rostocker Heide, so wie wir sie heute kennen. Man entscheidet sich gegen Funktionalität und Ökosystemdienstleistungen des Warnow-Ästuars und angrenzender naturnaher Landschaftsräume. Man entscheidet sich vor allem auch dagegen, dass die Stadt aufgrund ihrer Lage und Naturausstattung eine besondere Verantwortung als CO2- und Nährstoffsenke hat. Und nicht zuletzt nimmt man zwangsläufig hin, dass die Hansestadt einen gewaltigen Verlust an Artenvielfalt erleidet. Letztlich muss man sich über eines klar werden: Alle diese Verluste sind zum einen unwiederbringlich und zum anderen nicht ausgleichbar. Das, was im Zuge der geplanten Hafenerweiterung zerstört und im weiteren Verlauf geschädigt wird, lässt sich an keiner anderen Stelle unseres Planeten ersatzweise wiederherstellen. Das sind die zentralen Problemstellungen, die NABU und BUND im Blick haben.

 

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Pressemitteilung: NABU und BUND nehmen Stellung zur Hafenerweiterung
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Naturfreunde entsetzt über neue Heideautobahn – NABU nimmt Stellung

Pressemitteilung vom 02.06.2021

Fotos: Copyright NABU MM

 

 

 

Rostock/Markgrafenheide/Rostocker Heide

In den letzten Tagen haben den NABU viele verärgerte Anfragen erreicht. Sie beziehen sich auf die Straßenbaumaßnahme in der Rostocker Heide zwischen Bäderstraße L22 und dem Hütelmoor. Sie hinterfragen den Sinn dieser Maßnahme, deren Naturschutzverträglichkeit, sehen die Landschaft verschandelt und die Wahrung eines sanften Heidetourismus gefährdet. Der NABU wird zur Stellungnahme und zum Handeln aufgefordert.

 

Der NABU hat sich kurzfristig mit dem Stadtforstamt in Verbindung gesetzt und um Aufklärung gebeten.

 

Die Straßenbaumaßnahmen zwischen dem Parkplatz Müggenburg an der Bäderstraße und dem Aussichtsturm im NSG „Heiligensee und Hütelmoor“ sei für die forstliche Bewirtschaftung und die touristische Nutzung der Rostocker Heide erforderlich, hieß es von dort. Mit den Baumaßnahmen werde die alte Straße nur mit einer neue Fahrbahndecke versehen. Dies falle unter die Straßenunterhaltung und bedürfe keiner Genehmigung.

 

Der NABU sieht diesen Vorgang äußerst kritisch. Diese Straße wurde Mitte der 1970er Jahre durch das damalige Volkseigene Gut Klockenhagen über Waldschneisen quer durch die Rostocker Heide  gebaut, um das seit 1961 bestehende NSG „Heiligensee und Hütelmoor“ zu meliorieren und intensiv landwirtschaftlich zu nutzen. Es war ein wesentlicher Erfolg der Rostocker Umweltbewegung in der Wendezeit, diese moor- und klima-schädliche Nutzung zu unterbinden. Damit war auch der Nutzungszweck dieser Straße entfallen.

 

Viel mehr als dieser historische Aspekt erschreckt den NABU die unangemessene und mit den Umweltverbänden nicht abgestimmte Straßenertüchtigung. Die Ausführung der Baumaßnahmen erfolgte mitten in der Brutzeit geschützter und seltener Vögel und muss deshalb zu erheblichen Störungen geführt haben. Dies wäre grundsätzlich vermeidbar gewesen. Die breite dicke Asphaltdecke, die sich quer durch die Heide zieht, führt zu einer Zerschneidung der Lebensräume kleiner Tierarten, die im Waldboden siedeln und nicht in der Lage sind, die Asphaltstraße zu queren. Als besonders problematisch schätzt der NABU die Langzeitfolgen für das NSG „Heiligensee und Hütelmoor“ ein. Aus der vom Vorhabenträger beabsichtigten Verbesserung der touristischen Nutzbarkeit der Straße generiert sich ein Massentourismus, vor allem auch durch die Attraktivität für neue Nutzergruppen, der direkt in das besonders störungsempfindliche Offenland des NSG geleitet wird. Bereits zu verzeichnende Erfolge des Naturschutzes sieht der NABU als gefährdet an. Dazu gehört nicht zuletzt auch die Möglichkeit, dass sich vorrangig naturinteressierten Besucher in dieser Landschaft ohne die anderenorts üblichen massentouristischen Störwirkungen erholen und die Schutzgebiete mit ihrer Artenvielfalt genießen können. 

 

Aus Sicht des NABU ist die Begründung der Maßnahme auch aus forstwirtschaftlicher Sicht fragwürdig. Holztransporte hätten wie bisher und anderswo üblich auch über nicht asphaltierte Forstwege erfolgen können. Gänzlich unverständlich ist der Neuaufbau des Straßenabschnittes im NSG. Hier wäre im besten Falle ein Ersatz der alten Straße durch einen einfachen Wanderweg angezeigt gewesen.

 

Der NABU fordert einen Rückbau des Asphalts aus dem Naturschutzgebiet!

 

Bei einer frühzeitigen Einbeziehung der Öffentlichkeit einschließlich der Umweltverbände wären die mit dem Straßenbau verbundenen Störungen und Folgeschäden an Natur und Umwelt vermeidbar gewesen. Eine Stakeholder-Beteiligung ist so auch im FSC-Reglement (https://www.fsc-deutschland.de/de-de/der-fscr/prinzipien und https://www.fsc-deutschland.de/de-de/wald/waldstandards) verankert, zu dem sich die Hansestadt mit seinem forstwirtschaftendem Stadtforstamt seit Jahren bekennt. Es ist unverständlich, warum das Stadtforstamt, das auch noch die Aufgaben der unteren Naturschutzbehörde wahrnimmt, die Umwelt- oder Heimatverbände und andere Beteiligte (Stakeholder) bei solchen Vorhaben nicht bereits in der Planungsphase einbezieht.  

 

Der NABU wird das Zustandekommen und die Auswirkungen der Straßenbaumaßnahme auf die Schutzziele und den Zustand der betroffenen Schutzgebiete weiter prüfen und Minderungs- und Ausgleichsmaßnahmen für die negativen Einwirkungen fordern.

 

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