Das Naturschutzgebiet Radelsee

Prägend für dieses Naturschutzgebiet ist der namensgebende Radelsee mit den angrenzenden Radelwiesen. Auch sie gehören zum System des sog. Warnow-Ästuars, der trichterartig aufgeweiteten Flussmündung der Warnow.

Über den Moorgraben ist der Radelsee mit dem Breitling verbunden, einem lagunenartigen Flachwasserareal kurz vor der Einmündung der Warnow in die Ostsee. Im Breitling treffen Süßwasser aus dem Flusssystem der Warnow und salzhaltiges Wasser aus der Ostsee aufeinander; es entsteht Brackwasser.

Stürme und Hochwasser drücken von dort aus regelmäßig salzhaltiges Brackwasser in den Radelsee und überfluten die umliegenden Radelwiesen. So ist ein salzwasserbeeinflusstes Moor, ein sog. Küstenüberflutungsmoor entstanden, das die Pflanzen- & Tierwelt in diesem Naturschutzgebiet auszeichnen (s.u.).


Ein Kurzportrait des NSG Radelsee

Übersicht

Größe

220 ha

 

Unterschutzstellung

23.10.1990; Erweiterung 16.12.1993

 

Kreisfreie Stadt

Hanse-  & Universitätsstadt Rostock

Blick auf die wassergesättigten Radelwiesen. Quelle: NABU RV MM e.V.
Blick auf die wassergesättigten Radelwiesen. Quelle: NABU RV MM e.V.

Lage

Das Schutzgebiet liegt unmittelbar südöstlich der Ortslage Markgrafenheide nur wenig über dem Niveau des Meeresspiegels. Es gehört zur Landschaftseinheit "Toitenwinkel"

Schutzzweck

Schutz und Erhalt einer Küstenlandschaft im Unterlauf der Warnow mit Mooren unterschiedlicher Ausprägung, dem Radelsee im Bereich eines ehemaligen Mündungsarmes der Warnow (s.u.) sowie angrenzenden Wäldern der Rostocker Heide.


Geologie & Wasserhaushalt

Die Mündungsbucht der Warnow wurde im Zuge von Küstenausgleichsprozessen zwischen dem Geschiebemergelkern der Stoltera und dem Sandgebiet der Rostocker Heide durch einen Strandwall gegen die Ostsee verschlossen, der von den wechselnden Mündungsarmen der Warnow immer wieder durchbrochen wurde. Auch bei Markgrafenheide existierte solch ein Durchbruch.

Bei Sturmfluten wurden in diesem Mündungsbereich Sand und Schlick abgelagert. Es bildete sich ein Rückstromdelta aus. Nach Schliung des Mündungsdurchbruches setzte eine verstärkte Verlandung ein. So wurde der Radelsee weitgehend vom Breitling abgeschlossen.

In die Niederung und den See dringt bei Ostsee-Hochwasser Brackwasser über den Breitling ein, und es kommt zu Überflutungen. Die Salzgehalte im See schwanken zwischen 3 und 11 Promille. Im See mündet der Radelbach aus der Rostocker Heide. In seinem Mündungsbereich erreichen die Moore Mächtigkeiten von bis zu 2 Metern. Den Untergrund bilden feine, glazilimnische Sande des Schmelzwasserstromes der spätglazialen Warnow (sog. Heidesande), die hier den zur Küste hin abfallenden Geschiebemergel überlagern.

Pflanzen- & Tierwelt

Blick auf die brackwasserüberstauten Radelwiesen, die vielen Brut- & Rastvögeln Lebensraum bieten. Quelle: NABU RV MM e.V.
Blick auf die brackwasserüberstauten Radelwiesen, die vielen Brut- & Rastvögeln Lebensraum bieten. Quelle: NABU RV MM e.V.

Das Schutzgebiet wird durch ausgedehnte Salzwiesen und Brackwasserröhrichte geprägt. Kleinflächig können sich Quellerfluren entwickeln. In den Randgebieten des Überflutungsbereiches finden sich natürliche, salzbedingte Waldgrenzen. Auf alten Binnendünen, die das Moorgebiet durchragen, stockt ein lichter, durch den Seewind bizarr geformter, artenreicher alter Stieleichenwald mit Stechpalmen, Wildobstgehölzen und Wacholder. Hier befindet sich der einzige bekannte Standort des Kamm-Wachtelweizens in Mecklenburg-Vorpommern. Die Ausbildung von Bruchwäldern wird durch Salzstress verhindert. Am Rande der Binnennen und auf übersandeten Torfen in Strandnähe kommt eine besondere Küstenausbildung der Pfeifengraswiese mit Niedriger Schwarzwurzel, Vielbtigem Hahnenf, Prachtnelke, Färberscharte, Preußischem Laserkraut, Natternzunge und Wiesen-Alant vor. In weniger salzbeeinflussten Randbereichen der Röhrichte blüht die Sumpf-Wolfsmilch zahlreich.

Eine große Zahl seltener Salzkäfer konnte in Brackwasserröhrichten und auf Salzwiesenresten mit typischer Reliefierung durch Priele und Röten nachgewiesen werden. Hervorzuheben sind hier die in Mecklenburg-Vorpommern akut vom Aussterben bedrohten Laufkäfer Anisodyctylis poeciloides und Agonum monachum. Letzterer hat hier einen seiner 4 Fundorte im nördlichen Mitteleuropa.

Die faunistische Vielfalt des Gebietes wird auch durch die Inventarisierung der Schwebfliegen unterstrichen. Hier sind die Vorkommen der sehr seltenen Arten Myolepta vara, Mallota cimbiciformis und der boreoalpinen Cheilosia gigantea in den Waldrandbereichen hervorzuheben. Das NSG gehört zum Jagdgebiet des Seeadlers. Für den Waldwasserläufer besteht Brutverdacht, hrend die Bartmeise seit kurzem wieder häufiger Brutvogel im Gebiet ist. Der See ist Rast- und Überwinterungsplatz zahlreicher Wasservögel.

Nutzungsgeschichte

Im 18. Jahrhundert wurden die häufiger von Hochwasser beeinflussten Gebiete sowie die darin gelegenen Mineralbodeninseln als Grünland genutzt. Relikte von Waldweide sind noch heute in den Randbereichen der Rostocker Heide sichtbar.
Mitte der 1960er Jahre wurde die reguläre Gnlandnutzung im Gebiet eingestellt, worauf sich brackwasserbeeinflusste Landröhrichte ausbreiteten. Im zurückliegenden Jahrzehnt erfolgte eine zeitweise Wiederaufnahme der Beweidung mit Rindern auf einem Teil der Flächen. Traditionelle Nutzungen im Gebiet sind Fischerei und Rohrwerbung. 

Gebietszustand & Entwicklungsziele

Der Zustand des Gebietes ist gut. Der See wurde im Jahre 1998 vollständig entschlammt. Wichtigstes Entwicklungsziel ist der Erhalt einer natürlichen Überflutungsdynamik. Daneben soll durch Mahd, Beweidung und Zulassen natürlicher Entwicklung die Vielfalt des Gebietes erhalten werden.

Öffentliche Nutzung

Der See ist über die Kanäle von Markgrafenheide und vom Schnatermann aus per Ruderboot und mit einem kleinen Fahrgastschiff zu erreichen. Das Gebiet lässt sich auch über den Wanderweg zum Schnatermann innerhalb des Waldes umwandern. Hier gibt es Schautafeln und einen Aussichtspunkt.

Die teilweise extrem nassen Moorflächen sind nicht durch Wege erschlossen

 

Texte des Kurzportraits mit freundlicher Genehmigung von Dr. J. Schmidt

Quelle: J.Schmidt in Jeschke, L., Lenschow, U., Zimmermann, H. 2003 - Die Naturschutzgebiete Mecklenburg-Vorpommerns, Herausgeber: Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern, Demmler Verlag GmbH


Bedeutende Veränderungen im Küstenüberflutungsmoor seit Anfang 1990er Jahre

Küstenüberflutungsmoore sind Land-Meer-Grenzlebensräume.  Sie reagieren extrem sensibel auf Änderungen der Standortbedingungen. Anthropogene Einflussnahmen sollten gut bedacht werden und grundsätzlich viele Systemkomponenten berücksichtigen.

Schutzwürdigkeit und Schutzbedürftigkeit von Küstenüberflutungsmooren sind extrem hoch.

Bewirtschaftungsmaßnahmen, die zu Veränderungen im Gebiet geführt haben:

Maßnahmen mit direkter Wirkung auf torfbildende Vegetation:

 

  1. Mahd
  2. Beweidung
  • flächenhaft massiver Rückgang torfbildender Vegetation
  • großflächige Auskolkungen = Nettoverlust an Moorboden

Maßnahmen mit indirekter Wirkung über Standortfaktor "osmotischer Bodenwasserwert"

  1.  Seekanalvertiefung 1996-99
  2. Ausbaggerung Radelsee 1997
  3. Vertiefung und Verbreiterung Moorgraben und Stichkanal nach 2000
  4. Verwallungen durch Baggergutablagerungen
  • erhebliche ökologische, naturschutzfachliche, moor- und bodenkundliche sowie klimarelevante Problemstellungen gehen aus diesen Eigriffen hervor

Ein Beispiel aus der Praxis:

Mit dem Mississippidampfer ins Naturschutzgebiet

Wo touristische Erschließung und Naturschutz aufeinanderprallen - Ein Überblick

Ein Mississippidampfer im Naturschutzgebiet. Bildquelle: https://heiderundfahrt.de
Ein Mississippidampfer im Naturschutzgebiet. Bildquelle: https://heiderundfahrt.de

Mit dem Raddampfer "Schnatermann" kann man seit 1999 von Warnemünde aus, über den Radelsee, nach Markgrafenheide fahren. Zur Schiffbarmachung des Moorgrabens für dieses sehr spezielle Fahrgastschiff mussten bereits damals Ausbaggerungen des Grabens im Naturschutzgebiet unterommen werden.

Im Zuge von Hochwasserereignissen erfährt der Moorgraben immer wieder Sedimenteinspülungen, die die Gewässertiefe beeinflussen. Zum Erhalt der Schiffbarkeit für dieses Fahrgastschiff wurden in der Vergangenheit wiederholt Erhaltungsbaggerungen unternommen.

Folgende Kritikpunkte wurden seitens des NABU Regionalverband Mittleres Mecklenburg e.V. sowie des ehrenamtlichen Schutzgebietsbetreuers herausgearbeitet (Auszug):

1. Hier findet keine an den Naturschutz angepasste touristische Nutzung statt, bei der etwa ein an die natürlichen Gegebenheiten des Gebietes angepasstes Fahrgastschiff gewählt wird (u.a. niedriger Tiefgang, wenig Bugwelle erzeugend). Vielmehr wird das Naturschutzgebiet wiederholt massiven und zumindest infrage zu stellenden Eingriffen gemäß §§ 13ff. BNatSchG unterzogen. Diese betreffen die Gewässersohle, genauso wie die Grabenränder. Entlang dieses finden sich sowohl Eisvogelbruthöhlen, als auch sog. Otterrutschen, worüber der Fischotter Zugang zum Gewässer hat. Diese werden durch nicht angepasste Bewirtschaftung des Moorgrabens ebenfalls negativ beeinflusst, wenn nicht sogar zerstört

 

2. Aufgrund fehlerhafter Baggergutverbringung im Jahr 2016 wurde das natürliche hydrologische Regime im Naturschutzgebiet erheblich und nachhaltig gestört. Das Baggergut wurde entlang der Grabenränder im Naturschutzgebiet verbracht und bildet so einen ca. 165 m langen Wall, der sowohl den Einstrom von Hochwasser beeinflusst, als auch insbesondere den Abfluss des aufgestauten Brackwassers behindert.

 

2.1 Die Baggerarbeiten fanden mitten in der Brutsaison der Wasser- und Feuchtwiesenvögel sowie in der Laichsaison der Amphibien und Fische statt. Derartige Arbeiten ühren zu enormen Störungen und Schäden im Brut- und Laichgeschehen.

 

2.2 Die Bagger fuhren über die Feuchtwiesen des Küstenüberflutungsmoores in seinem Kernareal mitten durch die Brutgebiete von Wiesenvögeln, was unausweichlich zu Schäden im Brutbestand führen muss.

 

2.3 Das Befahren mit schweren Maschinen und die Überschüttung schädigen den direkt darunterliegenden Moorkörper.

 

2.4 Die Vegetation wird durch Nährstoffüberfrachtung im angrenzenden Areal geschädigt und auf den Aufschüttungen durch Entwicklung einer moorfremden Vegetation erheblich verändert.

 

2.5 Im Hinterland der Aufschüttung kommt es zu einer Unterbrechung der Entwicklung des natürlichen Prielsystems.

 

3. Bis dato (Stand 8/2020) keine Beseitigung der schädigenden Verwallungen seitens der zuständigen Unteren Naturschutzbehörde (Stadtforstamt Rostock) oder des Verursachers (Wasser- und Bodenverband „Untere Warnow-Küste“)

 

 

Negative Auswirkungen der Verwallungen sind bereits heute erkennbar und zeigen sich u.a. als Auskolkungen und durch Änderungen der Vegetation. Solche Veränderungen schädigen ein so sensibles Ökosystem oft für viele Jahrzehnte und führen manchmal sogar zu irreversibel Verlusten von moorspezifischer Flora & Fauna.

 

Eine ausführliche Darstellung der Problemstellung der Verwallungen ergibt sich aus den im Folgenden bereitgestellten Dokumenten:

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Anzeige über Baggerarbeiten im NSG Radelsee vom 03.05.2016
Anzeige des Schutzgebietsbetreuers Dr. J. Schmidt beim Stadtforstamt Rostock (zuständige Untere Naturschutzbehörde) über Baggerarbeiten im NSG Radelsee vom 03.05.2016
1_3Mai2016_Anzeige_Stadtforstamt_Baggera
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Rechtsaufsichtsbeschwerde: Baggerarbeiten im NSG „Radelsee“ durch den Wasser- und Bodenverband „Untere Warnow-Küste“ vom 04.07.2016
Rechtsaufsichtsbeschwerde des Schutzgebietsbetreuers Dr. J. Schmidt beim Landkreis Rostock (zuständige Rechtsaufsichtsbehörde) zu Baggerarbeiten im NSG „Radelsee“ durch den Wasser- und Bodenverband „Untere Warnow-Küste“ vom 04.07.2016
2_4Jul2016_Rechtsaufsichtsbeschwerde_Lan
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Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses und Entscheidung des Landtags M-V vom 09.09.2019
Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses und Entscheidung des Landtags M-V vom 09.09.2019 als Reaktion auf die vom Schutzgebietsbetreuer Dr. J. Schmidt eingereichte Petition vom 12.04.2018 (Pet.-Nr. 2018/00082)
4_9Sept2019_Scan Antw Petitionsausschuss
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Warnemünde - wo die Warnow in die Ostsee mündet

Warnemünde ist ein beliebtes Seebad an unserer Küste. Der heutige Name zeugt davon, dass dort die Warnow in die Ostsee mündet. Doch das war nicht immer so eindeutig wie heute.

Eine Besonderheit des Warnow-Ästuars sind die zahlreichen, ursprünglich verästelten Mündungsarme der Warnow. So fand die Warnow in der Vergangenheit an verschiedenen Stellen ihren Weg ins Meer. Einstmals gab es auch nördlich des Radelsees, bei Markgrafenheide, eine Mündung der Warnow in die Ostsee. Der in der abgebildeten historischen Karte eingezeichnete sog. Stankgraben ist ein Überbleibsel dieser Verbindung der Warnow zum Meer. Heute gibt es diese Verbindung jedoch nicht mehr.

Die Antwort auf die Frage, wo "Warnemünde" liegt, hing also stark davon ab, zu welcher Zeit man sich diese Frage gestellt hat.

Historische Karte zeigt mehrere Warnowmündungen

Die alten Warnowmündungen und der ursprüngliche Rostocker Hafen zu Warnemünde nach Dr. h.c. L. Krause 1921
Die alten Warnowmündungen und der ursprüngliche Rostocker Hafen zu Warnemünde nach Dr. h.c. L. Krause 1921

Eindrücke aus dem Naturschutzgebiet "Radelsee"

Rebecca Kain (NABU RV Mittleres Mecklenburg e.V.) lässt ihren Blick über das Naturschutzgebiet "Radelsee" schweifen
Rebecca Kain (NABU RV Mittleres Mecklenburg e.V.) lässt ihren Blick über das Naturschutzgebiet "Radelsee" schweifen